Hab ich gleich gesagt

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Vor etwa dreißig Jahren hatte ich einen amerikanischen Freund - hier nenne ich ihn Henry - der damals einige Jahre in Deutschland arbeitete. Mit ihm habe ich seinerzeit viele Grundsatzdebatten geführt, mit einem Bier in der Hand. Nach seiner Rückkehr in die USA waren wir weiterhin in E-Mail-Kontakt. Als ich ihm im Februar 2003 vor dem drohenden Irak-Krieg schrieb, er möge ein Auge auf seinen Präsidenten haben, fand er das überhaupt nicht lustig und verlangte, ich solle die Binde von den Augen meines Kanzlers nehmen.

Das war für mich das Signal, unsere Grundsatzdiskussionen wieder aufzunehmen, jetzt per E-Mail.

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Hallo Henry,

ich war mir nicht sicher, wie Deine Reaktion auf meine Bemerkung über Euren Präsidenten sein würde, aber weil Du von „Augenbinden“ unseres Kanzlers gesprochen hast, weiß ich, wo wir stehen.

Ich bin lange mit mir zu Rate gegangen, ob es die Zeit und Mühe wert ist, zu versuchen, meine Argumente schriftlich festzuhalten. Ich denke, Diskussionen über Politik werden am besten Aug’ in Auge geführt, aber weil das in diesem Fall nicht möglich ist und weil die Angelegenheit ernst genug ist, versuch ich es mal schriftlich. Ich erwarte nicht, dass ich Dich werde überzeugen können, aber trotzdem möchte ich Dich bitten, mit mir zusammen einen anderen Blick auf die gegenwärtige Lage der Welt zu werfen.

Als unser Kanzler sagte, Deutschland würde nicht an einem Krieg teilnehmen, tat er das während des Wahlkampfes und dies hat ihn – wie viele glauben – die Wahl gewinnen lassen. Die Art und Weise, wie er diese Aussage gemacht hat, war alles andere als diplomatisch, und das kann noch einige Probleme in der nächsten Zukunft bringen. Aber was er gesagt hat, wird von der Mehrheit der Deutschen unterstützt. Es gibt hier eine feste Überzeugung, dass wir keinen Krieg wieder anfangen sollten.

Fangen wir mit Hitler an. Er war ein Aggressor und hat Deutschland ins Unglück geführt. Unglücklicherweise ist das Volk ihm gefolgt. Und wir haben erfahren, was ein Krieg im eigenen Land bedeutet. Zehntausende von Menschen, Zivilisten, wurden während der Bombenangriffe auf Hamburg, Dresden und andere Städte getötet. Nach dem Krieg wurden wir umerzogen von den westlichen Demokratien, und unsere Generäle und Feldmarschälle wurden von einem Internationalen Militär-Tribunal zum Tode verurteilt, weil sie einen Angriffskrieg vorbereitet und ausgeführt hatten. Alles Militärische wurde diskreditiert und vormaligen Offizieren, die aus dem Gefangenenlager zurück kamen, wurden alle Arbeitsplätze verweigert. Deutschland hatte also eine Lektion zu lernen und Deutschland hat sie gelernt.

Wenn die gegenwärtige Lage angesehen wird wie eine Szene aus Zwölf Uhr Mittags, in der Sheriff Bush auf den Bösen zuschreitet mit den Händen an den Revolvern, während alle Feiglinge in der Stadt sich hinter verschlossenen Fensterläden verstecken oder sogar sagen: „Also, soo böse ist der Böse ja eigentlich auch nicht!“ – dann ist das eine zu einfache Sicht.

Als die beiden Flugzeuge das World Trade Center trafen, war das wirklich ein Schock, am meisten für die amerikanischen Bürger, die noch nie einen Krieg im eigenen Land erlebt hatten (abgesehen von Pearl Harbor, aber das war ja nicht wirklich zu Hause in Amerika). Der Druck auf Präsident Bush war deshalb stark, zurück zu schlagen. Aber das Problem war natürlich, dass der Feind unsichtbar war; der Krieg war unsymmetrisch. Aber es gab die Taliban in Afghanistan, die mit ihrem Steinzeit-Islam Ärger machten. Weil die Spuren des 9. Septembers zu Osama bin Laden und seinen Ausbildungslagern für Terroristen in Afghanistan führten, gab es mindestens einen guten Grund, einen Militärschlag gegen Afghanistan zu führen. So weit, so gut. – A propos gut und böse: Die zu dieser Zeit bösen Taliban waren früher gut (genug) gewesen, um von der CIA gegen die russische Besatzungsmacht bewaffnet zu werden.

Die gegenwärtige Lage ist, dass in der ganzen Welt ein paar Handvoll Terroristen festgenommen worden sind, während Osama bin Laden noch am Leben zu sein scheint und immer noch ein weltweites Netzwerk von Terroristen besteht, das bereit ist zuzuschlagen, wenn die Lage es erfordert.

In dieser Situation wurde der Irak in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses geschoben. Machen wir uns nichts vor: Saddam Hussein ist wirklich ein Böser. Aber bis jetzt haben wir keinen Beweis gesehen, dass er irgendeine Verbindung hat mit Osama bin Ladens Netzwerk, und es gibt kein Anzeichen, dass er einen nuklearen, biologischen oder chemischen Angriff plant, geschweige denn, dass er eine Bedrohung ist für die USA. Mit anderen Worten: Es gibt derzeit keinen offensichtlichen Grund für einen Krieg gegen den Irak.

Andererseits ist die Lage im Mittleren Osten vergleichbar mit einem Pulverfass. Wenn Saddam Hussein auf irgendeine Art entfernt wird, fangen die Probleme erst an. Eine Vielzahl von ethnischen und religiösen Gruppierungen im Irak werden gegen einander kämpfen, und es ist nicht abzusehen, dass daraus eine stabile Nation entstehen wird. Weiterhin, wenn die USA Krieg in den Irak bringt, ist es wahrscheinlich, dass viele arabische Länder dies als einen Angriff auf den Islam ansehen. Zumindest Fundamentalisten werden kein Problem haben, weitere Terroristen zu rekrutieren für den Kampf gegen den „Großen Satan“ (so nennen diese Leute die USA, wie Du wahrscheinlich weißt).

Dies bringt uns zum „Kleinen Satan“ (wie diese Leute Israel nennen). Eine Lösung des Israel / Palästina-Konflikts ist das, was in diesem Teil der Welt am dringendsten erreicht werden muss. Notwendig ist eine Garantie für die Existenz des Staates Israel und eines unabhängigen Palästinenser-Staates. Aber dafür gibt es zur Zeit keine Hoffnung. Die einzige Macht auf Erden, die diesen Konflikt lösen könnte, sind die USA, aber unglücklicherweise sehen sie entweder das Problem nicht oder identifizieren sich nur mit einer Seite. Aus israelischer Sicht war das Volk Jahrhunderte lang heimatlos und unterdrückt; deshalb hat es jetzt das Recht, heimzukehren und in seinem Gelobten Land zu leben. Wie es so lange Zeit in seiner Geschichte war, fühlt es sich immer noch verfolgt und hat ein Bedürfnis, sich zu schützen. Aber diese Einstellung kann meines Erachtens leicht zu militärischer Überreaktion führen. Die Juden haben viel gelitten, um es vorsichtig auszudrücken, besonders in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs. Man nannte sie in der Nazi-Propaganda „Untermenschen“, irgendeine Rasse unterhalb der menschlichen Spezies. Diese Behandlung muss einen verheerenden Einfluss auf die Überlebenden gehabt haben. Was man deshalb nicht verstehen kann, ist die Tatsache, dass Israelis (ich sage nicht „alle“) genau so auf ihre arabischen / palästinensischen Nachbarn herabschauen. Natürlich sind sie überlegen in ihrer Kultur und – vor allem – im Hinblick auf die militärische Ausrüstung. Aber es ist eine gefährliche Überlegenheit.

Nehmen wir ein Beispiel, das ich in einem Artikel eines Korrespondenten gelesen habe: Ein älterer Palästinenser kommt an einen israelischen Kontrollpunkt. Auf seinem Eselskarren hat er einige Kanister mit Olivenöl, das Ergebnis der Arbeit des letzten Monats. Der junge israelische Soldat, Zigarette im Mund, sagt dem Mann, dass er den Kontrollpunkt nicht passieren darf. Stattdessen befiehlt er ihm, das Olivenöl in den Graben neben der Straße zu gießen und umzukehren. – Situationen wie diese sind es, die, wenn sie immer wieder passieren, „Terroristen“ schaffen. Wenn Leute jahrzehntelang in überfüllten Lagern gehalten werden, ohne Hoffnung, dass sich etwas zum Besseren wenden könnte, müssen sie notgedrungen immer radikaler werden.

Die andere Sache ist, dass Israel nicht nach dem Prinzip „Aug’ um Auge“ zurückschlägt; sie nehmen immer den nächst größeren Hammer. Während der ersten Intifada, als die jungen Palästinenser Steine warfen, schossen die Israelis mit Gummigeschossen zurück. Die gegenwärtige Lage ist so, dass Bulldozer, die von Panzern geschützt werden, Häuser von Palästinensern abreißen, die angeblich der Familie eines Terroristen gehören.

Oder nimm die Siedlungen. Es gibt autonome palästinensische Gebiete, festgelegt durch internationale Verträge. Aber in diesen Gebieten wurden und werden israelische Siedlungen gebaut und erweitert. Mit welcher Begründung? Weil dies vor 2000 Jahren zum Gelobten Land gehörte! Was würdest Du sagen, wenn Indianer Land nehmen würden im besten Teil Deiner Insel, mit der Begründung, Manitu hätte das Land seinen Vorfahren gegeben, bevor diese aus irgend einem Grund in eine andere Gegend gezogen seien?

Selbstmordanschläge gegen Zivilisten sind in keiner Weise akzeptabel. Aber wenn Du Dir die Verzweiflung hinter diesen Aktionen ansiehst, ist es klar, dass die Politik der gegenwärtigen israelischen Regierung, terroristischen Anschlägen mit noch mehr militärischer Gewalt zu begegnen, das Problem nur vergrößern wird, auch für Israel. Es ist genau diese Haltung des „Kleinen Satans“, weswegen andere arabische Völker sich mit den Palästinensern solidarisch erklären, und weil der „Große Satan“ hinter all dem steht, indem er Israel schützt, warum sollten die Araber ihn in ihrem Gebiet willkommen heißen?

Deshalb sollte die erste Priorität im Mittleren Osten für Amerika sein, den Konflikt Israel / Palästina zu lösen, unter Berücksichtigung der legitimen Rechte beider Seiten. Unglücklicherweise spricht Europa noch nicht mit einer Stimme (und Deutschland hat sowieso ein „besonderes Verhältnis“ zu Israel), aber wir würden es ohne Amerika ohnehin nicht schaffen. Wenn dieses Problem gelöst ist, sollte es viel einfacher sein, eine stabile Lage in der ganzen Region zu erreichen – und auch den Terrorismus zu bekämpfen, indem man ihm seine Argumente gegen den „Großen Satan“ wegnimmt.

Ein Krieg gegen den Irak, mit der Begründung, dass Saddam Hussein gefährliche Waffen verbirgt, ist vollkommen unverhältnismäßig in den Augen der meisten Leute hier. Auf dieser Grundlage könnte man noch mehr als einem anderen Land den Krieg erklären. Aber dies irritiert außerhalb der USA wirklich: Es liegt anscheinend in der Macht des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, ein für allemal, weltweit, zu entscheiden, wer die Guten und die Bösen sind, einfach Weiß und Schwarz, ohne Grautöne dazwischen, und dem Bösen den Krieg zu erklären – Fragen werden nicht zugelassen, weil der Präsident den Film schon drei Mal gesehen hat. Darf ich Dich daran erinnern, dass Saddam Hussein auch einmal als gut (genug) angesehen wurde, so dass ihn die USA gegen den Iran bewaffneten? Also offensichtlich ändern sich die Farben von Zeit zu Zeit.

In der guten alten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Gedanke einer übernationalen Regierung auf, und die Vereinigten Staaten von Amerika beteiligten sich beim Aufbau der Vereinten Nationen. Als Folge wurde die Welt sicherer, weil die teilnehmenden Nationen gebunden waren durch internationale Verträge und Vereinbarungen, die Vertrauen aufbauten und auch die Regeln festlegten, wie die Nationen mit einander umzugehen hatten.

Unglücklicherweise scheint die gegenwärtige amerikanische Politik in der ganzen Welt in die umgekehrte Richtung zu gehen – so sieht man es von Europa aus. Wenn die einzige verbliebene Supermacht nicht mehr an Vereinbarungen mit „untergeordneten“ Partnerländern teilnimmt (Umweltvereinbarungen von Kyoto, Internationaler Gerichtshof usw.), wird am Ende das Recht des Stärkeren oder das Gesetz des Dschungels gelten. Nimm das angemaßte Recht für einen Präventivkrieg. Der ist nicht durch das Völkerrecht gedeckt, aus gutem Grund. Es würde das Gewaltmonopol von den Vereinten Nationen wegnehmen, wohin es gehört. Eine Entscheidung, Gewalt anzuwenden, mag dadurch länger dauern, aber mit einiger Wahrscheinlichkeit ist die Entscheidung gut begründet. So ist es und so sollte es sein. Irgendwelche Änderungen wären ein gewaltiger Schritt zurück; denn das Recht, das die USA für sich reklamieren, muss für andere Nationen genau so gelten. Wenn weltweite Vereinbarungen der UNO nichts mehr gelten, warum sollte sich Nordkorea an einen überholten Atomsperrvertrag halten? Wer könnte Pakistan und Indien davon abhalten, sich gegenseitig mit Atomwaffen zu zerstören? Alle diese Netzwerke wurden mit viel Mühe in den letzten Jahrzehnten geknüpft; wir Europäer sind zutiefst besorgt, dass die größte Nation der Welt dies alles jetzt anscheinend für überholt hält.

Dies, lieber Henry, hatte ich im Sinn, als ich Dich bat, ein Auge auf Euren Präsidenten zu haben. Wenn meine Ausdrucksweise auch nicht übertrieben diplomatisch war, so sei es. Es war mir wichtig, meinen Standpunkt darzulegen.

All dies hat nichts zu tun mit Antiamerikanismus. Wir alle wissen, was die westliche Welt Amerika zu verdanken hat. Aber es muss möglich sein – von Freund zu Freund – die eigene Sicht der Dinge zu erklären. Dies sollte nicht nur für unsere Ebene gelten sondern auch zwischen Nationen. Das war’s! Ich hoffe, zumindest die Zeit, in der Du mit meinem Blick von außen auf die Dinge geschaut hast, war nützlich.

Irgendwelche Kommentare sind willkommen, wenn Du Dich danach fühlst.

Dein alter Freund Hermann aus Deutschland

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Als im Irak eine amerikanische Rakete in einer Moschee explodierte, in der sich "Aufständische" verschanzt hatten, wusste ich, dass niemand George W. Bush meine E-Mail gezeigt hatte.

 02.07.07

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